SZ_1992_12_15_Ravensburg_Jugendforum Riedlingen_20 Jahre und kein bißchen leise
Das selbstverwaltete Jugendforum Riedlingen funktioniert auch zwei Jahrzehnte nach der Gründung noch
20 Jahre und kein bißchen leise
Als zur Fasnet 1972 das Alte Gefängnis in Riedlingen von einigen jungen Leuten besetzt wurde, war dies überhaupt nicht als Scherz aufzufassen. Vielmehr hatte man die jubelnde und trinkende Stadt zu einem geschickten Zeitpunkt überrumpelt, um den jugendlichen Bedürfnissen nach einem offenen Treffpunkt endlich Raum und Gehör zu verschaffen.

Getarnt war die Aktion angelaufen. Um den Schein des närrischen Charakters vorläufig noch aufrechtzuerhalten, stiegen einige Unverfrorene bereits Wochen zuvor über die Gefängnismauern und bereiteten die „Übernahme“ mittels einer Kostümierung durch vorgefundene Straflingsanzüge (im klassischen Schwarz- weiß) vor. Der Gemeinderat merkte nach Aschermittwoch schnell, daß schleunigst Ernüchterung angesagt war. Die dringlichen Bedürfnisse der Riedlinger Jugend akzeptierend, setzte man bei der Gemeinde auf Kommunikation.
Nach und nach fanden sich 150 Vereinsmitglieder zusammen, die bald die üblichen Film- Foto- und Bastel-AG’s veranstalteten. Das wichtigste Bedürfnis aber war schon damals das Organisieren von Rock-Konzerten. Mittlerweile gehört es in Riedlingen längst zur innerstädtischen Tagesordnung, wenn das Jugendforum neben den drei wöchentlichen Öffnungsabenden des eigenen Hauses (Mittwoch, Samstag und Sonntag) auch immer wieder die Stadthalle anmietet, um dort etwa acht bis zehnmal im Jahr ein international gemischtes Programm anzubieten.


Ernst nimmt man nach wie vor aber auch die lokale Szene und bietet deshalb Proberäume im Jufo an. Ebenfalls zu einer festen Einrichtung geworden ist die im eigenen Haus stattfindende Weihnachtssession mit den einheimischen Combos. Bedingt durch das stark eingeschränkte Raumangebot nach dem Umzug in die alte Stadtwirtschaft im vergangenen Jahr (das alte Quartier, von den Besuchern stets als Ideallösung angesehen, mußte nach zähem Kampf Platz für 20 Parkplätze machen), kommt man sich nun jährlich spätestens zum Fest der Nächstenliebe so richtig nahe.
Falsch wäre es allerdings, die Jufo-Aktivitäten allein im bierseligen Party-Sektor zu sehen. In all den zwanzig Jahren sind immer wieder Initiativen gelaufen, die über den eigenen Tellerrand hinausschauten.
So existierte in den 80er Jahren ungefähr fünf Jahre lang auf Initiative des Jugendforums eine Amnesty-International-Gruppe, und auch im Verband der Jugendhäuser des Landkreises Biberach war man bis zu dessen Auflösung aktiv tätig. Die KDV-Beratung wird bis zum heutigen Tag angeboten, jedoch aufgrund der veränderten Verhältnisse kaum noch in Anspruch genommen.


Da die Arbeit aber stets selbstverwaltet und vor allem ehrenamtlich geleistet wurde, konnte der Jugendtreff ,,Immer nur so aktiv sein, wie sein Umfeld“, wie im Jubiläumsinfo betont wird. So mußte man auch mit ansehen, wie die Mitgliederzahl im Laufe der Jahre auf unter 100 absank. Immerhin aber konnten die Aktiven dem Verein stets genügend Nachwuchs zuführen, so daß der Betrieb auch für die nächsten Jahre gesichert scheint. Im Bewußt sein, die Verantwortung für den einzigen integrativen Treffpunkt für Riedlingen und Umgebung zu tragen, finden sich auch zwei Jahrzehnte nach der Hippie-Ära immer noch Jugendliche, die bereit sind, genug Eigeninitiative aufzubringen, um „ihr Haus“ als Alternative zum Disco-, Kneipen- oder Fernseheinerlei weiterzubetreiben.
So verwundert es eigentlich nicht, daß die Jungen im öffentlichen Leben der Stadt schon längst ihre Position gefunden haben. Sei es aus Anlaß des überregional bekannten Flohmarkts (1993 am 15. Mai), für den das Jufo-Team stets das Musikprogramm am Abend organisiert, oder aber bei der Initiative zu einer Demo gegen Ausländerhaß vor wenigen Wochen, die maßgeblich vom Jugendforum ausging und gemeinsam mit verschiedenen Parteiverbänden sowie den Kirchengemeinden durchgeführt wurde. Da ist natürlich klar, daß auch der Bürgermeister gut mit seiner Jugend kann. Kostet ihn doch hier ein wesentlicher Teil der Riedlinger Jugendarbeit nach wie vor bloß ein paar tausend Mark im Jahr. Aber auch dieses Geld, notwendig um Grundkosten in der alten Stadtwirtschaft finanzieren zu können, soll zusammengestrichen werden. Für die Jufo-Leute jedoch kein Grund zur Aufgabe. Vielmehr ist man gerade dabei, die Aktivitäten zusammen mit den Jugendhäusern in Mengen und Sigmaringen zu koordinieren, um künftig Terminüberschneidungen vorzubeugen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten.

Zeitungsartikel von: Michael Borrasch
Die Bilder stammen nicht aus dem Zeitungsbericht sondern wurden aus unserem Archiv hinzugefügt.
